Studierende verbinden Klimaforschung und KunstWenn Fakten nicht reichen
2. Juni 2026, von Manuel Weidler

Foto: UHH/Weidler
Wie schaffen wir Bewusstsein für Klimawandel und Biodiversitätskrise, wenn Fakten allein nicht ausreichen? Vier Studierende des Masterprogramms Integrated Climate System Sciences (ICSS) erproben einen neuen Weg: Sie wollen einen emotionalen Zugang zu Umweltschutz schaffen. Dazu haben sie eine Pop-Up-Ausstellungsreihe ins Leben gerufen, für die sie gemeinsam mit Künstler:innen Werke entwickelt haben.
An diesem Samstagmittag herrscht reges Treiben auf dem Wochenmarkt in Blankenese, als ungewohnte Klänge aus dem Markthaus die Besucher:innen nach drinnen locken. Auf der Bühne tanzt eine Frau, verschleiert, zum Rhythmus von Geräuschen aus dem Meer. Der Auftritt von Alicja Kucewicz war eines der Highlights der Eröffnungsausstellung, die am 30. Mai rund 200 Besucher:innen anzog. Mit ihrer Tanzperformance verhandelt sie den Ozean als Raum, in dem der Mensch zunehmend das Ökosystem zerstört.

„Man kann sagen, wir haben zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre, aber damit Menschen wirklich anfangen nachzudenken, muss man vielleicht eher ihre Gefühle ansprechen", sagt Mitorganisatorin Dagmar Coelle. Diesen emotionalen Zugang wollen die Studierenden über Werke öffnen, die sie in Tandems mit Hamburger Künstler:innen erarbeitet haben: Die Studierenden brachten die wissenschaftliche Perspektive ein, die Künstler:innen die gestalterische.
Zu sehen waren Werke, die unter dem Motto „Forming Nature, Formed by Nature" unsere Beziehung zur Natur reflektieren. Künstler Sebastian Unterrainer setzte etwa das Gemälde eines Welses aus Fingerabdrücken zusammen – eine Analogie zum Einfluss des Menschen auf Fische in Südostasien. Er arbeitete zusammen mit dem aus Myanmar stammenden Studenten Garmani Thway, der die Umweltverschmutzung dort aus eigener Erfahrung kennt. Weitere Werke thematisieren zum Beispiel Luftqualität in der Stadt oder das Milpa-Landwirtschaftssystem, das traditionelle Anbauverfahren der Maya, bei dem Kürbis, Mais und Bohnen in Symbiose wachsen.
Für die beteiligten Studierenden war die Zusammenarbeit mit den Künstler:innen auch wissenschaftlich gewinnbringend: „Als ich gesehen habe, was Marla aus dem Thema machen kann, hat mir das neue Perspektiven eröffnet: Ich war inspiriert, selbst kreativer zu denken", berichtet Valentina Buenfil Román, die gemeinsam mit Marla Busse das Milpa-Projekt umgesetzt hat.

Dass die Werke zum Nachdenken anregen, zeigte die Reaktion der Besucher:innen. Viele, die „nur kurz reinschauen" wollten, blieben lange. „Die Äste erinnern mich an Bronchien. Wir ersticken die Natur und schlussendlich uns selbst", so eine Besucherin vor dem Werk, das Luftqualität in der Stadt thematisiert. Die Live-Performance von Alicja Kucewicz beeindruckte ebenfalls: Eine Besucherin berichtete, dieselbe Ruhe gespürt zu haben wie in der Natur und stellte sich die Frage: „Menschen sind Natur und Natur ist auch der Mensch. Warum zerstören wir dann die Natur um uns herum?" Ihre Gedanken konnten die Besucher:innen direkt vor Ort an Pinnwänden festhalten.
Die Ausstellungsreihe wird vom Exzellenzcluster CLICCS gefördert und ist Teil eines wachsenden Ansatzes, Klimaforschung über künstlerische Formate in die Gesellschaft zu tragen. Unterstützt wird sie auch vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB), der Claussen-Simon-Stiftung, der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und der NUE aus Erträgen von BINGO!-Die Umweltlotterie.
Die nächsten Ausstellungen finden statt: am 6. Juni in Haus 3 (Altona), am 16. Juni in der Honigfabrik (Wilhelmsburg) und am 11. Juli in Haus 73 (Sternschanze).

