Young Climate Scientists Award 2026 vergebenVon gerechter Mobilitätswende bis KI-Innovation für die Klimaforschung
23. Juli 2026, von Franziska Neigenfind

Foto: ESRAH/UHH
Soziale Gerechtigkeit für den klimafreundlichen Stadtverkehr, Vorhersagen extremer Hitze im Mittelmeerraum und künstliche Intelligenz in der Klimaforschung – das sind die Themen der Abschlussarbeiten, die mit dem Young Climate Scientists Award 2026 ausgezeichnet werden. Aus zahlreichen hochkarätigen Einreichungen ganz unterschiedlicher Disziplinen wählte die Jury drei besonders innovative und exzellente Arbeiten aus. „Ich gratuliere Charlotte Bohne und Jeanette Müller zum 1. Preis und Sebastian Willmann zum 2. Preis“, sagt ESRAH-Direktor Prof. Grischa Perino. „Ihre Ideen und wissenschaftliche Reife haben mich tief beeindruckt. Mit Software-Engineering-Kompetenz entwickelten sie die nächste Generation von Klimadiensten weiter, prüften Klimamodelle mit bemerkenswert breitem interdisziplinärem Blick und kombinierten Konzepte sozialer Ungerechtigkeit mit einem stringenten empirischen Forschungsansatz.“
Präzisere Vorhersagen für Hitzeextreme im Mittelmeerraum
Die Klimawissenschaftlerin Charlotte Bohne untersuchte in ihrer Masterarbeit die Wechselwirkungen zwischen Land und Atmosphäre im Mittelmeerraum und deren Einfluss auf die Vorhersagbarkeit von Hitzeextremen im saisonalen Zeitraum – also einem zeitlichen Horizont von einem bis 12 Monaten. Sie analysierte, wie Bodenfeuchte über Verdunstung die Temperatur beeinflusst und somit zur Entstehung und Verstärkung sommerlicher Hitzewellen beitragen kann. Dafür verwendete sie ein saisonales Vorhersagemodell und verglich dieses mit Reanalysedaten – einer Kombination aus Beobachtung und Modelldaten, um die Genauigkeit der Darstellung dieser Wechselwirkungen zu prüfen. Dabei stellte sie fest, dass das Modell im Allgemeinen die Zusammenhänge richtig abbildet. Dabei fand sie aber auch einen systematischen Trockenheitsfehler im Modell, der eine zu schnelle Austrocknung der Böden simuliert. Die Arbeit belegt, dass Bodenfeuchte als Frühwarnsignal für Hitzeperioden genutzt werden kann, allerdings mit regionalen Unterschieden. Auf der Iberischen Halbinsel ist der Zusammenhang besonders stark, in der Balkanregion hingegen weniger ausgeprägt. Die Masterarbeit zeigt somit, in welchen Regionen des Mittelmeerraums sich Bodenfeuchte bereits heute als Frühwarnsignal für Hitzeextreme nutzen lässt, und wo saisonale Vorhersagemodelle noch verbessert werden müssen, um dieses Potenzial auch in anderen Teilen der Region auszuschöpfen.
„Die außerordentliche Qualität der Arbeit zeigt sich durch die wissenschaftliche Tiefe beim Verständnis der Klimadynamik und gleichzeitig in der Breite der interdisziplinären Wechselwirkungen von Bodenfeuchte, der Verdunstung von Wasser aus Boden und Pflanzen und der Temperatur“, hebt die Jury hervor. „Durch umfangreiche Re-Analysen und Modellsimulationsdaten und eine klare diagnostische Struktur kann Charlotte Bohne auch für zukünftige Arbeiten wegweisende Ergebnisse der Vorhersagbarkeit von Hitzeextremen für die iberische Halbinsel und die Balkanregion erarbeiten.“
Wie gerecht ist die Radverkehrsplanung deutscher Städte?
Der Radverkehr gilt als wichtiger Baustein der Klimawende. Doch profitieren alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen? Die Soziologin Jeanette Müller untersuchte in ihrer Masterarbeit, ob die städtische Radverkehrsplanung wirklich sozial gerecht ist, wie oft vorausgesetzt wird. Dafür untersuchte sie die Maßnahmen in Münster, Bonn und Braunschweig: den Ausbau des Radwegenetzes, die Verkehrssicherheit, die Attraktivitätssteigerung der Radinfrastruktur, die Abstell- und Abschließanlagen, die Bürger:inneninformation und -beteiligung sowie die Förderung von Lastenrädern und Fahrradanhängern. Sie entwickelte ein eigenes Bewertungsdesign, analysierte Planungsdokumente und sprach mit den Radverkehrsbeauftragten der drei Städte. Die Jury lobt die innovative Verbindung ihres anspruchsvollen sozialphilosophischen Rahmens mit ihrer präzisen empirischen Untersuchung.
Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Maßnahmen bestehende soziale und räumliche Ungleichheiten nicht ausreichend reduzieren, sondern diese reproduzieren: Sowohl die Infrastruktur als auch die Beteiligung und Information von Bürgerinnen und Bürgern bleiben oft privilegierten Gruppen vorbehalten. Defizite gibt es zudem bei der finanziellen Förderung für ökonomisch benachteiligte Gruppen. Für diese Menschen sind die Mindestvoraussetzungen sozialer Gerechtigkeit nicht erfüllt, da sie sich Fahrräder nicht leisten können und die Hürden für sie höher sind, Fahrradfahren zu lernen. „Die Arbeit leistet einen zentralen Beitrag zur aktuellen klimapolitischen Debatte, indem sie eindrucksvoll belegt, dass eine wirksame und sozial gerechte Mobilitätswende nicht allein durch den Ausbau der Radinfrastruktur, sondern nur durch eine explizit sozial gerechte Planung gelingen kann“, so die Jury.
Chatbot Freva GPT: intelligente Lösung für die Klimaforschung
Der Informatiker Sebastian Willmann hat mit seiner Bachelorarbeit eine innovative Technologie für die Klimaforschung entwickelt. Er verbindet große Sprachmodelle (LLMs) mit standardisierten Klimadaten, um schnelle und verlässliche Analysen zu ermöglichen. Sein neuartiges System FrevaGPT beeindruckt vor allem durch seine dialogorientierte Assistenzfunktion: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können komplexe Fragestellungen zur Klimadatenanalyse in natürlicher Sprache formulieren, woraufhin das System passende Code-Snippets – also kleine Codeeinheiten – generiert. Dabei steht die Zuverlässigkeit im Vordergrund: Anstatt direkt möglicherweise ungenaue Antworten oder sogar Halluzinationen zu liefern, erstellt FrevaGPT einen nachvollziehbaren Code, den Nutzerinnen und Nutzer lesen, überprüfen und bei Bedarf anpassen können. Das beschleunigt die Analyseprozesse, bewahrt jedoch gleichzeitig die Kontrolle und Transparenz der Forschungsschritte.
Ein besonderer Verdienst von Sebastian Willmann ist die Integration seines Systems in die Infrastruktur des Deutschen Klimarechenzentrums (DKRZ) sowie die Entwicklung der Backend-Architektur. Ziel ist es dabei, nicht nur Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, sondern auch Stakeholder und Dienstleister in der Anwendung zu unterstützen. Die Jury betont: „Damit zeigt die Arbeit, wie künstliche Intelligenz die Klimaforschung bereichern und gesellschaftlich nutzbar machen kann.“
Die Abschlussarbeiten
Charlotte Bohne, (M.Sc. Integrated Climate System Sciences), 1. Preis
Assessing the influence of land – atmosphere coupling on seasonal predictions of summer hot extremes over the Mediterranean
Jeanette Müller, (M.A. Soziologie): 1. Preis
Fahrradfahren für alle? Eine Analyse der sozialen Gerechtigkeit der aktuellen Radverkehrsplanung in Münster, Bonn und Braunschweig anhand des Capability Ansatzes
Sebastian Willmann, (B.Sc. Informatik): 2. Preis
Leveraging large language models for data analysis in climate research
Der Preis
Die Preisgelder für den Young Climate Scientists Award stiftet die Gesellschaft Harmonie von 1789 e.V. Die Mitglieder der Gesellschaft Harmonie fördern nachhaltiges, gesellschaftliches Engagement in Hamburg.
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